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  • Kathrin Otte — Der Geist in der Flasche

    Herr Mehling, nehme ich an?
    Herr Mehling?
    Sie müssen doch Herr Mehling sein.

    Ein kleiner Schritt zurück an den Anfängen. Wir schreiben das Jahr 2019, die heißen Sommermonate sind in vollem Gange, und wir taumeln leicht beschwingt und ahnungslos durch die Tore des Weinguts Mehling und bleiben direkt vor den Tischen stehen, auf denen die Jahrgangsweine präsentiert werden. Schlürfen links, schlürfen rechts, und wir haben immer noch kein klares Bild davon, wer für diese köstlichen vergorenen Traubensäfte verantwortlich ist. Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis wir ein erstes Treffen mit der energiegeladenen Kathrin Otte und ihrem verschmitzten Lächeln arrangieren und mehr über ihre Geschichte und ihre Weine erfahren konnten. Aber wir blieben hartnäckig, und diese angenehme erste Begegnung enttäuschte uns auf keinen Fall.

    Kathrin betreibt mit ihrem Freund Christoph das Weingut Mehling in Deidesheim an der Mittelhaardt in der vierten Generation. Bereits der Urgroßvater war 50 Jahre lang Gutsverwalter beim Weingut Reichsrat von Buhl und gründete 1952 hier sein eigenes Weingut. Wenn ihr mal bei Kathrin im Hof stehen solltet und euren Blick schweifen lasst, dann versetzt euch gedanklich ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit und es könnte gut sein, dass die Postkutsche Euch gerade über die Schlappen gerauscht ist. Hier wurden in den alten Tagen die Pferde gewechselt und die Post des Ortes angeliefert. Im heutigen Tasting Room befanden sich die Pferdestallung und Tränke (wie passend), was man auch immer noch sehr schön an den alten Deckenhaken und der Konstruktion des Raumes erkennen kann.

    Close up of grapes / people resting next to vines / Mehling courtyard

    Ihr Großvater fing bereits in den 70-er Jahren an, ohne künstlichen Dünger zu arbeiten. Fast forward zum Ende der 80-er Jahre, als Kathrins Eltern begannen den Betrieb unter biologischen Aspekten umzustellen. Viele unterschiedliche Böden (Kalk, Lehm-und Buntsandstein), alte Reben und der sorgfältige, schonende Anbau erhöhen den Arbeitseinsatz, aber das Ergebnis lässt sich sehen und schmecken. Seit 2010 ist das Weingut mit dem Biologo versehen und das Vertrauen in die Weinberge wird mit individuellen Weinen im Resultat belohnt.

    Das zentrale Thema für Kathrin ist die Biodiversität im Weinberg. Stabile 10 ha groß, was für Deidesheimer Verhältnisse klein ist, mit vielen Einzellagen in und um Deidesheim bestimmen von Forst bis Königsbach das Anbaugebiet. Das Hauptaugenmerk liegt zu 85 % auf Riesling – die kleine Diva oder Königin wie Kathrin die Rebsorte manchmal nennt.

    Ein gesunder Boden ist das Grundkapital: natürliche Kompostierung, Begrünungsmischungen, Leguminosenbepflanzung (Hülsenfrüchtler) mit Tief- und Flachwurzlern, Blühpflanzen und alle Arten von Nützlingen kreieren einen biodiversen Mikrokosmos der Flora und Fauna, der der Monokultur des Rebstocks gegenüberstehen. Der Wein entsteht im Kreislauf inmitten der Natur von Anfang bis Ende über einen langen Zeitraum. Es gibt sicher die ein oder andere Stellschraube hier und da, um den Wein anzustubbsen oder leicht zu optimieren, aber zum Beispiel der Lesezeitpunkt wird nicht streng nach Angabe des Refraktometers bestimmt, sondern eher nach Gefühl und Erfahrung. Träubchen kosten, Stiel kosten, Kerne kosten — es wird nicht so gelesen, dass Alkohol das bestimmende Ziel ist, dies ist kein Qualitätsfaktor und das zeigt sich auch in den schlanken Weinen, die Kathrin in die Flasche bringt. Handlese ist das Credo, denn es braucht Stimmungsmenschen mit den Trauben in der Hand, die im Wingert zusammenarbeiten, lachen und das Feeling einfach mitbringen. Das ist ein nicht verhandelbarer Teil des Deals.

    Reden wir kurz über eine lässige Kollaboration im lokalen Weinbau, bei der Kathrin und das Weingut Mehling mit dabei sind: WineChanges. Elf Betriebe aus der Verbandsgemeinde Deidesheim schlossen sich im Jahr 2009 durch die Initiative von Jan Hock für eine engere Abstimmung und Kooperation zusammen. Alle jung, alle mit freshen Ideen und ähnlichen Vorstellungen wie Wein in der Zukunft funktionieren sollte. Sagen wir mal so, am Anfang war es wie folgt: Man wusste voneinander, kannte sich teilweise sehr gut und teilweise kaum. Das sollte sich ändern. Aber was sollte die Location für das erste Event sein? Gut, dass es einen Pfarrer Braun gab, der seinen Pfarrkeller in Deidesheim zur Verfügung stellte.

    Der Rest der Geschichte konnte nur spannend und erfolgreich verlaufen. Die erste gemeinsame Weinprobe war nach zwei Tagen ausverkauft, man merkte schnell, dass man sich super verstand und viel voneinander lernen kann und somit nur profitiert. Es entstanden Events wie VinOx und die 8tel Meile im Deidesheimer Schlosspark jedes Jahr an Pfingsten. Die Idee bestand darin, unabhängig von der jeweiligen Zugehörigkeit des eigenen Weinguts Themenzelte aufzubauen und verschiedene Rebsorten gemeinsam vorzustellen — eine herrlich multilaterale Idee und Umsetzung. Grenzen wurden eingerissen und aufgebrochen und der Gemeinsinn pro Rebe und pro Sorte wurde gepusht, geiler gehts wohl fast gar nicht. Alle Weingüter haben sich qualitativ durch die Kooperation weiterentwickelt und sieben Weingüter nehmen jedes Jahr gemeinsam an der Messe ProWein teil, um die Kosten überhaupt stemmen zu können. Es geht um gegenseitigen Support, gemeinsam ist man besser und stärker im Gegensatz zu reinem Konkurrenzkampf.

    Wir kommen nicht um das Thema Frauen im Weinbau herum, wenn wir mit Kathrin sprechen. Warum? Weil es wichtig ist und weil es leider immer noch Probleme gibt, die es eigentlich nicht geben sollte. Generell kann man doch sagen, dass die Pfalz sehr open-minded ist und viele erfolgreiche Winzerinnen im Weinbau vorweisen kann. Das in der Vergangenheit schon fast an Mobbing grenzende “hast du als Frau die Kraft, die schwerer körperlicher Arbeit im Weinbau hinzubekommen” oder “kommst du denn überhaupt an die Pedale” ist weniger geworden und es gibt viel, was sich im Kollegenkreis getan hat. Leider ist das aber noch nicht so ganz an der Verkaufstheke angekommen, wo viele Vorurteile noch an der Tagesordnung zu stehen scheinen. Wie hält man/ Frau da die Contenance? Als Beispiele: “Schaffen sie das als Frau?” “Oho, aber nicht schlecht für eine Frau im Weinbusiness!” “Frauen sollen ja generell beim Verkosten besser sein, weil sie feinfühliger sind!”

    Der stete Tropfen höhlt den Stein heißt hier die Devise: Aufklären, aufklären, aufklären auch wenn es manchmal ermüdend ist.

    Diese Annahmen, Vorurteile und Kombinationen antiker geistiger Flatulenzen stehen den unterschiedlichen Einstellungen und Talenten von Frauen entgegen, die viel mehr ein Quell von Inspiration und Kraft sein sollten. Diese vererbte Annahme und Vermutung einer fast körperlichen “Behinderung” bringt uns leider wieder zu dem klassischen “old white men” Syndrom; der Einschätzungsradius dieser Herren besteht aus der verstaubten Erfahrungskiste ihres Lebens, und meist wurde diese mit züchtiger Hand des brutalen Unterdrückervaters seit ihrer Menschwerdung in sie hinein prügelnd gefüllt. Um vorwärts zu kommen, funktioniert der Schatz der Erfahrung nur in Kombination mit der Reflexion der Vergangenheit, gepaart mit der Bereitschaft, Neues zu lernen. Wir sind nicht auf der Suche nach Toleranz. Wir suchen nach der Anerkennung, dass solche Trennungen nicht mehr existieren sollten. Zum Glück macht sich der Wandel in der gebildeten, jungen Generation stark bemerkbar, sodass es bei Leuten bis zu einer gewissen Altersgrenze gar kein Thema mehr ist.

    Kathrin & Christoph sitting under a tree / Herr Mehling bottle

    Kathrin und Christoph ging das Ganze dann irgendwann so auf den Sack, dass sie sich eine clevere Maßnahme überlegten. Nachdem das ständige Fragen in Christophs Richtung, da er ja der Winzer sein müsste, der weit gepriesene Herr Mehling, der Erzeuger, der Macher, der Schaffer, beim Gutsbesuch nicht mehr auszuhalten war, entstand der Geist in der Flasche: Herr Mehling.

    Das Schöne daran ist, das Herr Mehling auch noch einfach hervorragend schmeckt. Als leckerer Gutswein-Riesling sieht man auf dem Etikett Herrn Mehling – den Geist in der Flasche. Umrandet von sprießenden Kräutern, Gewächsen und summenden Insekten, die das biologische Gleichgewicht in den Weinbergen zum Ausdruck bringen sollen. Zusammengefasst einfach eine nette und ansprechende Art der Misogynie den Stinkefinger ins Gesicht zu halten. Danke dafür und den leckeren Wein.

    Wie bekommt man das Lebensgefühl auf die Flasche oder in die Flasche? Kann man Emotionen einfangen, sie mit gutem Essen paaren und wieder frei lassen? Könnt ihr eine Region schmecken? Wie wäre es mit gewissen Vorstellungen, die Euch in den Sinn kommen? Fragt am besten Kathrin, denn Sie weiß es. Es muss an dem Geist in der Flasche liegen, da sind wir uns sicher. Oder hat sie einen faustischen Deal mit dem Weinmephisto geschlossen? Wir sind davon überzeugt, dass hier brutales Können, progressives Denken und die Freude und Lebensenergie einer Winzerin verschmelzen und man dies im Endergebnis mit geschlossenen Augen zurückgelehnt am Gaumen spürt.

    Wie wir alle, obwohl es nicht viele offen postulieren oder in ihrem Handeln zeigen, möchte Kathrin einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit und der Wertigkeit dieser sehen. Wir haben alles vor der Haustür wachsen und gedeihen, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Kennt ihr eure Nachbarschaft und die kleinen Täler hinter dem Tal, was sich als erstes deinem Blickfeld verschließt? Lasst uns wieder ehrlich genießen und den Menschen zeigen, welche echten Werte sich in lokalen Produkten und hergestellten Genussmitteln verbergen, die harten und aufwendigen Arbeitsschritte, die es bedarf, um diese für den Konsumenten bereitzustellen. Darin liegt die Krux, fuck „geiz ist geil”, wir brauchen einen neuen Lokalhedonismus, junge Leute sollen Wein trinken und ihn genießen, ein persönliches Verhältnis vom Sie zum Du muss her und der Wein kann und soll die Brücke sein.

    Wir sind stolz darauf, mit Kathrin und dem Weingut Mehling zusammenzuarbeiten, und laden Euch ein, die gleichen köstlichen Weine zu probieren, die ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit geworden sind.

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